Vom Dorf zum Hochtechnologie-Standort: Hallbergmoos entwickelt sich, soll aber ein Zuhause bleiben

Spätestens seit Eröffnung des Münchner Flughafens im Jahr 1992 zieht es immer mehr Menschen in die Stadt im Norden der Landeshauptstadt. So wuchs die Gemeinde im Erdinger Moos um mehr als 175 Prozent auf knapp 11.000 Einwohner innerhalb der vergangenen 25 Jahre und zählt damit zu den sich am schnellsten entwickelnden Gemeinden im Landkreis. Die Folge sind urbane Transformations- und Umbauprozesse sowie der strategische Ausbau von Infrastruktur. Aber eine Frage wird dabei oft vernachlässigt: Was brauchen die Ansässigen, um sich an einem Ort zuhause zu fühlen? Prof. Dr. Martina Baum, Architektin und Stadtplanerin von der Universität Stuttgart, entwarf im Auftrag der Gemeinde das räumliche und städtebauliche Konzept für Hallbergmoos. Im Interview sagt sie, was einen Ort im Herzen lebenswert macht – und was nicht.

Frau Baum, was braucht es Ihrer Ansicht nach, um in einer Stadt anzukommen?

Martina Baum: Orte, die ansprechen, die ich gerne aufsuche und als Teil meines Alltagslebens wahrnehme und mir dann zu Eigen mache. Das kann eine schöne Joggingstrecke, eine Parkbank mit Aussicht oder die Kneipe um die Ecke sein. Aber auch die Möglichkeiten soziale Kontakte zu knüpfen. Niederschwellig beim kurzen Gespräch mit der Bäckerin, im Sportclub oder mit dem Nachbarn. Daraus entstehen persönliche Beziehungen. Zum Ort und zu den Menschen.

Was schätzen Sie, wie viel Zeit vergeht bis man in einer Stadt ankommt?

Martina Baum: Das kann ich nicht pauschal sagen. Das kommt ganz auf die Person an. Wie offen und kontaktfreudig sie ist. Wie sehr sie den Bezug zum Ort und den Menschen dort sucht. Und natürlich auch wie einladend der Ort ist. Dies bezieht sich auf die Erscheinung des Ortes, aber auch auf die Offenheit der schon Ansässigen, der Vereine, der Verwaltung usw. Neuankömmlinge zu integrieren.

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Was kann die Stadt baulich tun, damit die Menschen sich schneller zuhause fühlen?

Martina Baum: Die Stadt muss Lebensqualität bieten. Die Menschen müssen sich dort wohlfühlen, sich mit dem Ort identifizieren, im besten Falle auch stolz darauf sein genau hier zu leben und zu arbeiten. Wir verbringen oftmals genauso viel Zeit an den Orten unserer Arbeit wie in unseren Wohnungen. Eine hohe Lebensqualität bedeutet eine attraktive bauliche Struktur mit qualitätvollen Freiflächen, kurze Wege, eine ansprechbare Verwaltung, sehr gute soziale und kulturelle Infrastruktur, ein breites Angebot an Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen, Naherholungsmöglichkeiten.

Welche städtebaulichen Sünden gibt es?

Martina Baum: Die eigene Identität nicht zu stärken sondern auszusehen wie jeder andere Ort auch. Nicht auf architektonische Qualität zu achten. Egal ob im Wohnungsbau oder Gewerbebau. Dem motorisierten Verkehr zu viel Raum zu geben. Stehend wie fahrend. Nur auf das Gebaute zu setzen und die Freiflächen wenig zu beachten. Auch für kleinere Orte sind die unmittelbaren Orte der Naherholung sehr wichtig.

Wie versucht man diese zu vermeiden?

Martina Baum: Indem man eine gute Stadtentwicklungsplanung macht. Dies reicht allerdings nicht alleine aus. Es braucht auch den Willen und die Kraft der Politik Konzepte auch langfristig zu verfolgen und eine Verwaltung, die die Ressourcen hat dies im Alltag umzusetzen.

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Welche Ziele stecken hinter der städtebaulichen Planung in Hallbergmoos?

Martina Baum: Hallbergmoos möchte sich als attraktiver Ort mit einer hohen Lebensqualität weiterentwickeln. Das enorme Wachstum der letzten Jahrzehnte bedeutet den Wandel von einem Dorf zu einer international vernetzten, urbanen Gemeinde zu gestalten – ohne die spezifischen Qualitäten des Ortes und des Dorflebens zu verlieren. Dies aktiv zu tun und nicht passiv zu reagieren ist das Ziel des räumlichen Leitbilds.

Wie viel Zeit bleibt Hallbergmoos um diese Ziele zu erreichen?

Martina Baum: Der Standort im Metropolitanraum Münchens ist sehr attraktiv und die Nachfrage groß. Die Begehrlichkeiten auch. Trotzdem sollte der Druck nicht dazu führen, vorschnell zu handeln. Ein strategisches und auf breiter Basis getragenes räumliches Leitbild ist die Basis, Bedarfe und Nachfragen zu befriedigen und das große Ganze immer im Blick zu haben.

Was macht ein Zuhause aus? Beziehungsweise wann fühlt man sich in einer Stadt zuhause?

Martina Baum: Indem ich mich mit dem Ort identifiziere, mich als Teil davon fühle. Meine Stammkneipe, meinen Lieblingsbäcker, meine Lieblingsstelle im Park und meine Bekannten und Freunde hier habe; das Gefühl habe, hier ein gutes Leben führen zu können.

Vielen Dank!

 

Bildmaterial © UTA/Urbane Strategien

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