Gott schuf Adam und Eva – Und er schuf den Apfel

“Der gut schmeckende Apfel ist der, der am gesündesten ist, weil die Leute diesen am meisten essen.”

Dr. Michael Neumüller ist Agrarwissenschaftler und Leiter des Bayerische Obstzentrums in Hallbergmoos, wo er mit seinem Team am laufenden Band neue Obstsorten züchtet, die sich nach 20 bis 30 Jahren Arbeit unter Umständen auf dem Markt durchsetzen. Im Interview mit uns sprach er über seine Obst-Neuschöpfungen, typische Fehler von Hobbygärtnern, welche Apfelsorten am besten für den Hausgarten geeignet sind, warum der Apfel das eigentliche Superfood ist, warum Trends wie Ugly Food eine Randerscheinung bleiben werden und warum die Geschmacksqualität die Mutter aller Zuchtziele ist.

Warum sind Sie Obstzüchter geworden?

Die Züchtung von Obst ist das schönste, was ich mir vorstellen kann. Man kann nicht nur die bereits auf dem Markt bestehenden Sorten nutzen und Obst erzeugen, sondern man kann selbst aktiv an neuen Sorten mit neuen Eigenschaften mitwirken.

Auf welche Neuzüchtungen sind Sie besonders stolz?

Wir haben die Sorte “Sonnengold” für Allergiker gezüchtet, also für Menschen, die bislang keine Äpfel essen konnten, weil sie Beschwerden im Hals- und Rachenraum bekommen. Durch unsere Neuzüchtung können all jene Menschen ab jetzt endlich auch Äpfel essen. Er hat eine besonders schöne Farbe und eine ausgezeichnete geschmackliche Qualität. Das ist in dieser Kombination eine Seltenheit.

Was sind die größten Fehler, die Hobbygärtner beim Obstanbau machen?

Zum einen werden die falschen Sorten gepflanzt. Alle Sorten, die man aus dem Supermarkt kennt, wie Gala, Fuji, Braeburn, Elstar oder Pink Lady, sind für den Hausgarten viel zu anfällig für diverse Pilzkrankheiten. Zum anderen werden häufig Bäume gepflanzt, die zu groß werden. Der Hobbygärtner schneidet dann die Zweige zurück, woraufhin der Baum Wasserschosse bildet und kaum noch Früchte trägt. Oft werden die Hobbygärtner dann immer unzufriedener und reißen dann irgendwann ganz raus. Das Problem liegt daran, dass der Baum die falsche Unterlage (Wurzelwerk) bei der Veredelung erhalten hat. Deshalb ist es wichtig, sich im Vorfeld in einer Baumschule beraten zu lassen.

Welche Sorten empfehlen Sie für den Hausgarten?

Die Laetitia ist eine Sorte, die resistent gegen Schorf ist und ähnlich schmeckt wie die Pink Lady. Dann gibt es noch den Berlepsch, eine alte Sorte, der eine sehr feste Frucht hat. Diese Sorte lässt sich auch gut im Hausgarten anbauen und bis Weihnachten lagern.

Gerade ist Superfood ist in aller Munde. Ist ein Apfel weniger gesund?

Nein, ganz im Gegenteil. Denken Sie an die Goji- oder auch an die Aroniabeere. Die Inhaltsstoffe, die in diesem Superfood sind und für die gesundheitsfördernde Wirkung verantwortlich zeichnen, befinden sich auch in unserem heimischen Obst, nur nicht in einer ganz so hohen Konzentration. Der entscheidende Unterschied ist aber der Geschmack. Man kann von diesen Beeren einfach nicht viel zu sich nehmen. Die gesundheitsfördernde Wirkung ist aber immer ein Effekt der Menge, die Sie zu sich nehmen! Wenn sie zwei Mal am Tag einen halben Liter Apfelsaft zu sich nehmen, anstatt sich täglich mit 250 ml Aroniasaft zu quälen, haben Sie bereits mehr für ihre Gesundheit getan. Menschen nehmen primär Obst zu sich, weil es ihnen gut schmeckt und nicht weil sie dann weniger anfällig für Krankheiten sind.

Was genau macht einen Apfel so gesund?

Im Apfel sind zigtausend verschiedene Stoffe. Man darf den Apfel aber nicht in seine einzelnen Bestandteile zerlegen, weil die Wirkung seiner Bestandteile – chemisch betrachtet – eine ganz andere ist, als von der Gesamtheit seiner Bestandteile. Man weiß nicht genau, warum das so ist, aber es ist so. Der Apfel muss vor allem erst einmal gut schmecken. Sonst hat keiner was davon! Der gut schmeckende Apfel ist der, der am gesündesten ist, weil die Leute diesen am meisten essen.

Was halten sie vom Ugly Food Trend?

Nicht sehr viel. Das Thema ist aktuell so groß, weil es an die Emotionen rührt: Warum sollte etwas weggeworfen werden, wenn es nicht genau der Norm entspricht? Doch eigentlich entspringt die Norm einer legitimen Verbraucherhaltung: Man will Gemüse und Obst, das gleichmäßig geformt sind. Das hat aber auch einen Sinn: Eine verwachsene Karotte kann man kaum schälen. Das Ugly Food landet dann aber nicht auf dem Müll, sondern wird als Tierfutter oder Ähnliches verwendet. Das wird oft vergessen oder nicht korrekt dargestellt.

Hat dieser Trend in irgendeiner Weise einen Einfluss auf ihre Zuchtziele?

Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, das ist eine relativ temporäre Geschichte. Sollte es sich tatsächlich durchsetzen, dass die Menschen überwiegend Ugly Food kaufen, dann wird man versuchen, genau solche Sorten zu züchten und anzubauen, die irgendwie unförmig aussehen. Und dann wird man die Früchte wegwerfen, die ein bisschen schöner aussehen. Das pervertiert die ganze Sache wieder in die andere Richtung. Das ist immer eine Marktfrage. Die alten Normfrüchte wären dann Ausschussware.

Die meisten Menschen kennen eine Handvoll Apfelsorten wie ‘Golden Delicious’, ‘Gala’, ‘Elstar’ oder ‘Pink Lady®’. Warum sind diese Sorten so populär geworden?

Das liegt an den Ansprüchen der Menschen. Die Verbrauchervorlieben haben sich geändert: Der Verbraucher will heutzutage Früchte, die fest und knackig sind. Hinzu kommt eine Tendenz dahingehend, dass die Früchte immer süßer sind. Das ist ein weltweites Phänomen.

Was ist das Besondere an alten Sorten?

Alte Apfelsorten sind eher weich und haben nicht die Festigkeit, die man heute erwartet. Wir bieten auch alte Sorten in unserem Hofladen an wie den “Schönen aus Nordhausen” und den “Bellefleur”. Diese Sorten sind schon zwischen 200 und 500 Jahre alt. Eine “Goldparmäne” ist schon über 1000 Jahre alt. Diese alten Sorten sind alle sehr verschieden, aber für die meisten Leute sind sie doch zu weich. Früher war es für Menschen eines bestimmten Alters unter Umständen auch wichtig, einen Apfel zu haben, der nicht ganz so fest ist. Aber heutzutage hat die moderne Zahnmedizin dies eigentlich obsolet gemacht.

Es gibt momentan einen gewissen Hype um alte Apfelsorten. Was halten Sie davon?

Die Diskussion um alt oder neu wird viel zu emotional geführt. Beide Positionen entbehren jeglicher Grundlage, da jede Apfelsorte individuell betrachtet werden muss und ihren Wert in der Zeit hat, in der sie genutzt wird. Erhaltenswert sind alle, gleich ob alt oder neu. Wir verwenden zum Beispiel in der Züchtung sehr häufig alte Sorten, die mitverwendet werden als Elternteil. Es gibt keine Wertigkeit, ob alt oder neu besser oder schlechter ist. Alles, was alt ist, war auch einmal neu.

Was sind die größten Herausforderungen eines Obstbauers, der Äpfel erzeugt?

Der Obsterzeuger, der den Handel beliefert, kämpft aktuell ums Überleben. Er verdient 35 Cent je Kilo Äpfel. Er muss alle Arbeitsprozesse rationalisieren und einen möglichst hohen Ertrag von ihrer Fläche zu erwirtschaften. Das geht meist auf Kosten der Qualität. Die andere Gruppe sind Betriebe, die direkt ihr Obst vermarkten, also im Hofladen oder auf dem Markt. Diese Obstbauern leben nur von der Qualität. Niemand wird von einem Obstbauern am Markt einen Apfel kaufen, der schlechter schmeckt, als der, den man im Supermarkt kaufen kann. Wir haben also Ertragsmaximierung und Kostenminimierung versus Qualitätsproduktion.

Sie würden den Direktvertrieb also immer vorziehen?

Ja, als Konsument würde ich den Produkten im Direktvertrieb fast immer den Vorzug geben. Bei den Zwetschgen zum Beispiel bietet der Lebensmitteleinzelhandel gar keine reifen Früchte an, weil der Einzelhandel hartreife Früchte verlangt, damit sie möglichst lange im Regal liegen können und damit sind die Früchte einfach nicht so gut. Wir haben in den letzten Jahren einen Rückgang des Zwetschgenverbrauchs. Das liegt aber einzig und allein daran, dass die Qualität der Früchte in den Supermärkten viel zu gering ist.

Ab wann macht es bei der Schädlingsbekämpfung keinen Sinn mehr, auf schonend biologische Methoden zu setzen? Ab wann muss die Chemiekeule her?

Die chemische Keule wird immer weniger, auch im erwerbsmäßigen Anbau. Man bemüht sich in den letzten Jahrzehnten intensiv, den Einsatz von Insektiziden maximal zu reduzieren. Deshalb ist auch unser Weg im Erwerbsanbau zunächst Netze einzusetzen. Aber das Netz kostet relativ viel Geld in der Installation und im Unterhalt. Deshalb ist das leider nicht machbar für Produkte, die ganz billig verkauft werden müssen. Der Obstbauer, der für das Kilo Zwetschgen nur 40 Cent bekommt, der kann die Netze schlicht und ergreifend nicht installieren, weil er sonst draufzahlt.

Nähert sich der konventionelle Anbau immer mehr dem ökologischem an?

Nein, ich würde sagen, die Produktionsweisen des ökologischen und konventionellen Anbaus nähern sich immer weiter einander an, weil man lernt, die natürlichen Mechanismen zu schonen, damit man auch wenig Aufwand hat, die Schädlinge in den Griff zu bekommen. Diese Denkweise setzt sich in beiden Anbauweisen durch. Viele denken, nur im Bio-Anbau wäre eine Produktion möglich, die gesundheitlich wertvolle Früchte hervorbringt. Das ist nicht der Fall. Das Problem ist immer das Gleiche: Wie viel Geld ist der Verbraucher bereit zu zahlen, damit er ein hochwertiges Produkt erhält.

Was sind die Klassiker unter den Schädlingen?

Blattläuse muss man immer bekämpfen: Man kann sie mit Brennesseljauche vertreiben, mit dem Wasserstrahl abwaschen, abbürsten, zerdrücken, aber auch mit Seifenjauche wegbringen. Für jede Facon, nach der man glückselig werden kann, gibt es eine Methode, Blattläuse zu töten. Das zweite große Problem sind die Maden, die in den Früchten sind. Es gibt heutzutage bei fast jeder Obstart eine Made, die die Frucht befällt. Die einzige funktionierende Methode ist, Netze über die Bäume zu spannen.

Bildmaterial © Gemeinde Hallbergmoos

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